Die „rebellische“ Nachbarin

Seit ein paar Monaten haben wir im Keller einen Proberaum, den mein Sohn mit seiner Band nutzt. Beim Einrichten bekam auch ich wieder Lust auf selbstgemachte Musik. Also riefen wir ein paar Freunde zusammen, machten unsere Instrumente fit und starteten spontan ein neues Bandprojekt. Wie es halt so ist, trommelte der Schlagzeuger etwas lauter, so dass ich meine Gitarre nicht mehr hörte, folglich drehte ich den Gitarrenamp ein Stück auf, der Basser nun in Zugzwang, hörte seinen Bass nicht mehr, drehte also seinerseits den Bassverstärker weiter auf. Das bemerkte natürlich der Schlagzeuger, der sich nun alle Mühe gab noch intensiver in seine Felle zu trommeln. Kurzum, wir spielten von den Beasties – „Fight for your right“, von den Scherben – „Der Kampf geht weiter“ und wir wurden immer lauter.
Es dauerte keine 15 Minuten als es am Kellerfenster klopfte. In der Annahme, es könnte sich um eine nicht unerhebliche Schaar Groupis handeln, öffnete ich selbiges. Was da an mein Ohr drang, klang aber weniger nach Jubel und Begeisterung und ernüchternd stellte ich fest, es war unsere Nachbarin, im Alter jenseits der 60. Sie schimpfte, dass wir viel zu laut wären und sie das störe. Blockwarte sind ein rotes Tuch für mich, also erwiderte ich ihr, dass wir bis 22Uhr proben dürfen, sie gerne die Cops holen kann und wir jetzt weiter üben, ob ihr das passt, oder nicht und schlug das Kellerfenster zu. Der Fall war für mich damit abgehakt und erledigt. Sie schimpfte noch eine Weile vor dem Kellerfenster, was uns aber im weiteren Verlauf unserer Probe nicht stören sollte, da wir sie nicht hören konnten.
Wir musizierten bis gegen 21:45 unter dem Motto „Jetzt erst recht! –Rock’nRoll against nervige Blockwarte“.
 
Als wir unsere musikalischen Ergüsse beendeten, öffneten wir das Kellerfenster, da durch den erhöhten Zigarettenkonsum im Keller die Luft etwas dünn wurde und stellten fest, die Nachbarin stand immer noch vor dem Fenster und wetterte wie ein Rohrspatz. Wir lachten und ich fragte, was sie eigentlich von uns erwartet. Ihre Antwort: Sie möchte sich unterhalten.
Irgendwann gaben wir uns einen Ruck, gingen hinaus und waren gespannt auf den Verlauf der Unterhaltung. Im Gespräch erfuhren wir, dass sie Herzprobleme hat, dass der laute Bass und das Schlagzeug ihren ganzen Körper vibrieren lassen und dass sie die laute Musik von uns aufregt. Wir diskutierten heftig, bis ich ihr nochmals die Frage stellte, was sie eigentlich von uns erwartet. Ob sie ernsthaft denkt, dass wir nicht mehr proben, weil sie damit ein Problem hat? Da wir so aber nicht weiterkamen und unser Gespräch nun langsam drohte in einer Sackgasse zu enden, machte ich ihr einen Vorschlag. Während unserer Probezeit, darf sie in einer Gaststätte in Erfurt ihrer Wahl essen, und ich zahle. Das sagte ihr allerdings auch nicht zu, da sie kein Auto besitzt und folglich nicht in die Stadt kommt. Ich war genervt.
 
Nach nochmaliger aufflammender Diskussion sind wir gemeinsam auf die Idee gekommen, dass wir ihr vor der Probe einfach bescheid geben, sie sich in Zukunft darauf einstellen kann und wir bis maximal 21Uhr Musik machen. Sie bedankte sich, dass wir uns doch noch so nett unterhalten konnten. Wir lachten gemeinsam, verabschiedeten uns und seitdem beschränkte sich unser Kontakt auf „Nachbarin Bescheid sagen, wenn wir Probe haben“.
 
Zwischen Weihnachten und Silvester klingelte es bei uns. Unsere Nachbarin teilte mir durch die Wechselsprechanlage mit, sie möchte Etwas abgeben. Brummelig ging ich nach draußen und sagte noch brummeliger „Tach! Was wollen sie?“.
Sie lachte mich freundlich an und übergab mir eine Geschenketüte mit den Worten „Ich bedanke mich, dass wir zusammen eine Lösung gefunden haben, das sie mir zugehört haben und wünsche ihnen und ihrer Familie alles Gute.“
Ich musste einige male Schlucken, bis ich mich mit heiserer Stimme „Danke!“ sagen konnte.

Beim Auspacken der Tüte, in der sich eine Flasche Sekt, Kerzen, selbstgebackene Plätzchen, eine Blume und etwas zu Naschen befand, freute ich mich, damals mit dieser Frau gesprochen zu haben.
Durch sie habe ich wiederholt erlebt, dass es für Alle auf Dauer angenehmer und nervenschonender ist, sich zu unterhalten und dem Geprächspartner aufmerksam zuzuhören und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen, statt auf Kontra zu gehen und das Gegenüber verbal in den Boden zu stampfen.
Wenn diese Nachbarin mit ihrer „Ein-Personen-Demo“ vor unserem Kellerfenster nicht den Mut gehabt hätte, sich während unserer Probe vor uns lächerlich zu machen, wäre das alles nie passiert.
 
Danke und meinen höchsten Respekt für diese Lektion, Frau Nachbarin…

Anmerkung: Diesen Text wollte ich ursprünglich vor ein paar Wochen als Gastbeitrag zum Geburtstag der BlogRebellen veröffentlichen. Da das damalige Thema allerdings “Bad Taste” war, habe ich mir verkniffen den Eintrag zu veröffentlichen. Jetzt dient der Text als Test und erster Blogeintrag auf Tumblr, da ich www.lahnix.de bis auf Weiteres eingestampft habe.

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